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Die Leinwand im Ohr - Kinogenuss für Blinde

Erschienen im DBSV Jahrbuch 2017


Ein gemeinsamer Filmgenuss mit sehenden Kinobesuchern war für mich lange Zeit nur mit Einschränkungen möglich. Ohne Audiodeskription (AD) war der Film eine Welt voller Wüsten zwischen Oasen des Dialogs und interpretierbarer Geräusche. Entweder man fand sich mit den Dialogpausen ab oder die sehende Begleitung flüsterte fortwährend Erläuterungen, oft zum Unmut der anderen Kinogäste. Ein Grund, weswegen amerikanische Fernsehserien bei blinden und sehbehinderten Menschen sehr beliebt sind. Sie werden hauptsächlich von Dialogen getragen und verzichten größtenteils auf rein optische Stilmittel. Die Handlung von Filmklassikern, wie „Die Vögel“ etwa, lässt sich zwar mittels der Dialoge grob erschließen, aber ein spannungsaufbauender Effekt wie die sich hinter der auf einer Bank sitzenden Melanie Daniels sammelnden Vögel blieb mir bisher verborgen. „Spiel mir das Lied vom Tod“ gar, war aufgrund der minutenlangen Dialogpausen überhaupt nicht zu verstehen, wenn nicht ein Freund oder Verwandter die Szenen beschrieb.

Audiodeskription hat blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang zum Film eröffnet – und innovative Apps wie GRETA und CinemaConnect den Zugang zum Kino. Filmfreunde können mit diesen Apps die AD mit einem Ohr- oder Knochenleitkopfhörer auf dem eigenen Smartphone hören, ohne damit die sehenden Zuschauer zu stören. GRETA erfordert den Download einer Datei auf das Smartphone, die dann synchron zum Film abgespielt wird. Die App funktioniert in jedem Kino, aber auch am heimischen Fernseher. CinemaConnect empfängt die AD als Stream. Auch kann der Audiokanal des Films in unterschiedlichen Sprachen sowie als Untertitel empfangen werden. Diese Variante erfordert jedoch die Bereitstellung der entsprechenden Technologie durch das Kino. Der Vorteil: Besucher, die kein eigenes Smartphone besitzen, können sich im Kino ein Empfangsgerät ausleihen. Auch einzelne Theater nutzen bereits CinemaConnect und bieten ihre Stücke mit Live-AD an.

Beide Apps verwandeln die dialogarmen Wüsten in blühende Landschaften. Wir zittern jetzt auch, wenn Lila Crane in den Keller von Bates‘ Motel schleicht. Zu Silvester können wir mitprusten, wenn Buttler James immer wieder über den Tigerkopf stolpert. Die Apps ermöglichen einen vollwertigen gemeinsamen Filmgenuss für Zuschauer mit und ohne Seheinschränkungen, ob in der Familie oder im Freundeskreis. Blinde und sehbehinderte Kinofreunde haben die Leinwand nun selbst im Ohr und müssen nicht mehr unwissend auf Erklärungen warten. Sehende hingegen können sich selbst voll und ganz auf das Leinwandgeschehen konzentrieren, ohne dabei die visuelle Handlung beschreiben zu müssen.

GRETA stellt eine Liste aller barrierefreien Kinofilme bereit. CinemaConnect bietet eine Liste aller Kinos, die mit ihrer Streaming-Technologie ausgestattet sind. Beide Apps sind kostenfrei für iOS und Android erhältlich.

© Copyright Robbie Sandberg

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